Monatsbrief 04 2025
Monatsbrief 04 205
Liebe Mitglieder des Richard Wagner Verbandes Innsbruck-Bozen, liebe Freundinnen und Freunde der Musik!
Bei unserem Monatstreffen im März kamen wir anlässlich des 150. Geburtstages von Thomas Mann (am 6. Juni 2025) in den
Genuss eines viel akklamierten Vortrags von Claus J. Frankl aus Bayreuth. Sein enormes Fachwissen, kurzweilig und unterhaltsam dargeboten, beeindruckte unsere zahlreich erschienenen Mitglieder. Es folgte ein gemütliches Beisammensein mit inspirierenden Gesprächen in der Zirbenstube im Hotel Innsbruck. Im Anhang dieses Monatsbriefs übermitteln wir einen Brief von Herrn Frankl.

Claus J. Frankl
Es gibt weitere erfreuliche Nachrichten:
Unsere Hompage www.rwv-ibkbz.eu ist nun online. Künftig werden noch aktuelle Hinweise (s. Veranstaltungen) eingefügt werden. Nach wie vor wird jedoch unser Monatsbrief in der bisherigen Form ausgesendet werden.
Wir freuen uns über zwei neue Mitglieder in unserem Verband und heißen Frau a.o. Univ.-Prof. Dr. Monika Fink-Naumann und Herrn Kurt Naumann aus Aldrans herzlich willkommen.
Unser nächstes Treffen:
Mittwoch, 16. April 2025, 18:30 Uhr
im Volkskunstmuseum/ Stubenforum, Universitätsstraße 2
Vortrag von
Dr. Franz Gratl
Ludwig Thuille und Richard Strauss.
Die Kraft einer Künstlerfreundschaft
Anschließend (ab 19.45 Uhr) Ausklang
im Gasthaus Goldenes Dachl, Hofgasse 1
Bitte um Anmeldung bis zum 09.04.2025 an info@rwv-ibkbz.eu
Die Teilnahme am anschließenden Ausklang bitte extra vermerken!
DANKE
Bei unserem Monatstreffen im April werden wir also im Stubenforum des Tiroler Volkskunstmuseums zu Gast sein (Eintritt frei).
Es erwartet uns ein Vortrag von Dr. Franz Gratl im Zusammenhang mit seinem kürzlich erschienenen Buch Ludwig Thuille und Richard Strauss. Die Kraft einer Künstlerfreundschaft. (Kulturverein ARTON (Hrsg.):
„Dieses Werk widmet sich der Künstlerfreundschaft des gebürtigen Südtirolers Ludwig Thuille mit Richard Strauss. […] Leben und Werk des Bozners Thuille stehen daher besonders im Fokus dieser Publikation, ebenso das Verhältnis der Familie Strauss zu Tirol und natürlich die drei Jahrzehnte währende Freundschaft zweier großer Künstlerpersönlichkeiten der Spätromantik.“
Vorausschau Mai 2025:
Für Donnerstag, 15. Mai planen wir einen Halbtages-Ausflug nach Bozen. Es wird Gelegenheit geben mit Mitgliedern aus Südtirol zusammenzutreffen und am Abend ein Konzert in der Franziskanerkirche (freiwillige Spenden) zu besuchen.
Programm: Konzerte für Violine, Orgel und Streicher von Antonio Vivaldi.
Ausführende: Marco Bronzi, Violine, Anton von Walther, Orgel und ein
Streicherensemble des Konservatoriums Claudio Monteverdi - Bozen.
Genaue Angaben folgen im nächsten Monatsbrief. Bei Interesse bitten wir um ehestmögliche Mitteilung.
Unser Monatstreffen wird am Mittwoch, 21. Mai im Hotel Innsbruck stattfinden.
Die Märzantwort:
Wer verbindet Indiana Jones und Richard Wagner? Wie?
Abstrakt kann man natürlich Parsifal mit Indiana Jones und Richard Wagner zu verbinden versuchen; konkret versuchen anlässlich der Produktion der Wiener Staatsoper im Jahr 2004 der Regisseur Werner Boote und der Dramaturg Peter Blaha einen heutigen Zugang zu dem historischen Stoff. (www.wernerboote.com).
Die Aprilfrage:
„ … es war mir so, als ob diese Musik meine Musik wäre, und ich erkannte sie so wieder, wie jeder Mensch die Dinge wiedererkennt, die er zu lieben bestimmt ist. Für einen ganz anderen als einen Mann von Geist wäre diese Phrase unglaublich lächerlich, besonders wenn einer schreibt, der, wie ich, nichts von der Musik versteht und dessen ganze Erziehung sich darauf beschränkt …, einige schöne Stücke von
Weber und Beethoven gehört zu haben.“
Zugegeben, dieses Zitat ist nicht ganz leicht zu finden. Von wem könnte es stammen?
Bitte passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund!
Mit herzlichen Grüßen

Claus J. Frankl – Bayreuth, 20. März 2025 / Nicolaus.Jean@web.de
Sehr geehrte Damen und Herren.
zurück in Bayreuth ist heute Frühlings-Anfang. Morgen am 21. März feiern wir den Geburtstag von Jean Paul - ich weiß nicht, ob Ihnen dieser Name etwas sagt: Jean Paul war einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Roman-Autoren des 19. Jahrhunderts. Leider ist nicht bekannt, ob Thomas Mann bei seinen beiden Bayreuth-Besuchen den Namen seines großen Kollegen zur Kenntnis genommen hat. Jedenfalls wurde Jean Paul (Künstlername für Johann Paul Friedrich Richter) 1863 in Wunsiedel/Fichtelgebirge geboren, er verstarb im November 1825 in Bayreuth. Wir gedenken im November mit zahlreichen Veranstaltungen seines 200. Todestages... er hatte ein Stammlokal, eine einfache Gastwirtschaft am Wegesrand zu Markgräfin Wilhelmines „Eremitage“, die Rollwenzelei. Dort kann man heute noch sein Dichterstübchen besichtigen, denn er pflegte mit Frau Rollwenzel ein "Bratkartoffel-Verhältnis". Ins Gästebuch schrieb der berühmte Berliner Kritiker Alfred Kerr zu Zeiten von Thomas Mann: "Vergessen dich die Deutschen heut? Du bist der Meister von Bayreuth". Man möge bitte bedenken, dass der Roman damals nicht die heutige Akzeptanz genoss: Romane waren per se nicht "deutsch", Erzählungen zur Unterhaltung galten als seicht, bis auf wenige Ausnahmen, die sogenannten Erziehungs- und auch Entwicklungsromane. Aber an sich empfand man bei uns das ganze Genre als unseriös. Auch Thomas Mann musste gegen Vorurteile kämpfen, wenn z.B. sein Zauberberg als Bildungsroman angesehen wurde, er aber die Entwicklung eines jungen Menschen aufzeigte.
Ein Anti-Bildungsroman ist Der Untertan von Heinrich Mann. Nur Erziehungsromane dienten einem höheren Ziel… Auf diesem Wege möchte ich mich nochmals für die liebe Einladung, Ihre Gastfreundschaft und Ihre Aufmerksamkeit bedanken! Hier einige Gedanken "nachträglich" zu unserer Veranstaltung: 1. Ich sprach von Dr. Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater, wir feiern seinen 175. Geburtstag, er kam im Lohengrin-Jahr 1850 zur Welt. Seine Gattin war Hofschauspielerin am berühmten Meininger Theater, Hedwig Pringsheim, Tochter eines bedeutenden Berliner Ehepaares: Die Mama Hedwig Dohm war Frauenrechtlerin, ihr Gatte Ernst Dohm Redakteur bei der Satire-Zeitschrift "Kladderadatsch", von ihm stammt das Wort "Kalauer".
Beide waren in Berlin mit der Familie "Hans von Bülow" bekannt, Hedwig Pringsheim kannte Wagners seit ihrer Kindheit, das waren also die Schwiegereltern. Wir gedenken in diesem Jahr des 120. Geburtstages von Erika Mann (1905 in München geboren), Tochter von Thomas Mann. Sie war Schauspielerin, Kabarettistin und später Assistentin ihres Vaters. Ihre Beziehungen reichten vom 1. Ehemann Gustaf Gründgens über Schauspielerin Therese Giehse bis zu Bruno Walter, mit dem sie in den USA ein Verhältnis hatte. Über Klaus Mann haben wir gesprochen, er schrieb nicht nur den "Mephisto"-Roman, sondern z.B. auch einen lesenswerter Roman über Peter Tschaikowsky "Symphonie Pathetique". Golo Mann war Historiker und verfasste eine fabelhafte Biographie zu "Wallenstein". Bisexualität, Homosexualität und Selbstmorde sind in beiden Familien Mann und Pringsheim in Dichte gegeben... 2. Ich sprach über das Wort "Wagnerianer" - Thomas Mann war kein Wagnerianer - nicht in dem Sinne, wie man dieses Wort seinerzeit einsetzte -- nämlich als ein unkritischer, verehrender Fan des Wagner'schen Werkes, "gläubig", dass das Werk Wagners die Welt besser mache. Ich würde Thomas Mann als "Wagner-Versteher" bezeichnen. Er kannte das Werk in- und auswendig, daher sind sowohl seine Analysen als auch seine parodistischen Schilderungen auf den Punkt. Es gibt viele Aufsätze zum Werk Wagners, das er immer wieder in "große Zusammenhänge" stellte. Ich hätte unbedingt über "Leiden und Größe Richard Wagners" sprechen müssen. Hier nur eine kurze Zusammen-fassung: Im Februar 1933 gedachte die Welt des 50. Todestags von Wagner. Thomas Mann wurde gebeten, einen Vortrag zu halten, was er auch tat. Und zwar mehrfach, zunächst in München, dann auf franz. in Paris, schließlich in Amsterdam. Dieser Texte wurde ergänzt und verfeinert und als Aufsatz publiziert. Nach Amsterdam gönnte er sich im März 1933 einen Erholungs-Urlaub in der Schweiz. Dort erreichte ihn die Nachricht, dass die "Wagner-Stadt München" gegen seinen Text protestiert, unterschrieben von Richard Strauss, Hans Pfitzner, Hans Knappertsbusch und einigen anderen Münchener Prominenten. Da die beiden ältesten Kinder Erika und Klaus längst in der Emigration waren (Schweiz und Frankreich) beschworen sie ihren Vater, nicht mehr nach Deutschland zurück zu kehren. Äußerer Anlass war der Vortrag, tieferer Anlass die Tatsache, dass er als „Nestbeschmutzer“ im Dritten Reich galt und seine Kinder von mütterlicher Seite jüdisch waren. Thomas Mann verlängerte seinen "Urlaub" um die Zeit des Nationalsozialismus, weshalb er sich niemals wirklich als "Emigrant" sah. Er war ohnehin der Meinung: Wo er sich aufhielt, da war Deutschland. Und zwar eben das "gute" Deutschland der Geistesgrößen, von
Goethe bis Schopenhauer und Nietzsche. Was war nun der Aufreger des Vortrages, ich fasse die komplizierten Gedankengänge wie folgt zusammen:
01. Er macht Wahnfried die Deutungshoheit über das Wagner'sche Werke streitig!
02. Er hinterfragt das Wagner'sche Genie und ist der Meinung, dass die Multiplikation der Künste in seinem "Gesamtkunstwerk" nicht notwendig gewesen wäre. Sein Werk sei auch ohne diese Dimension einzigartig gewesen. Seine ganze Analyse des Wagner'schen Werkes ist eigentlich eine „Liebeserklärung“…
03. Er stellt Wagner neben andere europäische Genies und nimmt ihm dadurch seine Einzigartigkeit, z. B. sei die Motiv- oder Leitmotivtechnik nicht seine Erfindung, sondern seitHomer immer schon vorhanden gewesen. Er sieht Wagners Größe eher im Bereich des Epischen als des Dramatischen, was Thomas Mann als Erzähler als Kompliment empfindet und als solches gedacht hat. Er macht zudem aus dem "deutschen" Genie ein internationales Genie, das der ganzen Welt gehört. Nicht nur die deutsch-nationalen "Opernfreunde" waren entsetzt.
04. Er bezeichnet Wagners nicht akademisches Gestalten als "Dilettantismus", wissend, dass er gerade durch diese Bezeichnung missverstanden werden konnte. Damit bot er die Angriffsfläche für seine eigenen Gegner. Wie Thomas Mann es verstehen wollte, ist Dilettantismus positiv als etwas, was mit Liebe und Leidenschaft zu tun hat, nicht mit amateur- oder laienhaft. Wagner sei also in jedem einzelnen "Aspekt" seines Werkes ein Dilettant gewesen, aber in seiner individuellen Gestaltungskraft von Einzelteilen eben doch ein Genie gewesen.Dadurch konnte er etwas "Neues", etwas "Unerhörtes" kreieren. Auch das eigentlich ein Kompliment, wenn man die Gedankengänge von Thomas Mann nur mitvollziehen wollte.
05. Er personifiziert das 19. Jahrhundert mit Wagner. Beide seien groß und leidend gewesen. Das wollten die Deutschen natürlich nicht lesen bzw. hören: Groß ja, aber leidend? Leiden galt doch als „Schwäche“ - dabei hat Thomas Mann so recht, sieht man die geschichtliche Entwicklung, die endlich 1871 zur (ersten) deutschen Einheit geführt hatte. Wie viel Blut musste fließen - und wie musste auch Wagner persönlich leiden, z.B. durch das ihm aufgezwungene Exil ab 1849.
Letzter Punkt: Asche auf mein Haupt! Ich vergaß neben "Buddenbrooks" und "Zauberberg" sein "Opus Summum" im Zusammenhang mit Musik zu erwähnen: "Doktor Faustus" von 1947. Dabei ist gerade dieser Roman sein letzter, großer und extrem anspruchsvoller Versuch (auch für sich selbst!) noch nie "gehörte" Musik in Worte zu fassen. Gerade mit diesem Text hat er sich über viele Jahre geplagt, war auch mit dem Ergebnis nicht restlos zufrieden. Gerade "Doktor Faustus" ist ein ähnliches Werk wie "Parsifal" oder "Frau ohne Schatten" - es birgt viele verschiedene Schichten, es erschließt sich nicht "von selbst", sondern verlangt eine intensive, anstrengende Auseinandersetzung mit dem Text, um nur annähernd zu "verstehen", was der Autor alles ansprechen wollte. Allein über diesen Roman müsste man Stunden sprechen.
Interessant ist jedenfalls auch, dass er, wie oft, Wagner durch eine neue Klassik, durch neue Klarheit "überwinden" möchte, d.h. er bezieht sich z.B. indirekt auf die Zwölfton-Technik, wobei ich hätte unbedingt über den Wiener Hanns Eisler sprechen müssen, mit dem Thomas Mann in Hollywood befreundet war. Eisler war in Leipzig und Berlin ein wichtiger Komponist für Bert Brecht.
Und zum Schluss: Thomas Mann begleitete die Festspiele auf dem Hügel aufmerksam und mit Skepsis. Er fragte schon 1924 beim Neustart, ob diese Festspiele unter geänderten gesellschaftlichen Verhältnissen überleben könnten. Bayreuth im 3. Reich brachte er auf die griffige Formel: Hitlers Hoftheater, wodurch er die Vereinnahmung, die durch Winifred Wagner ermöglicht wurde, spöttisch kritisierte. Dies als kleines "Nachwort" zu unserer Veranstaltung!
Nochmals vielen Dank und alle guten Wünsche zu Ihnen ins wunderschöne Innsbruck.
Bis zum Wiedersehen, herzlichst Ihr Claus Frankl und viele Grüße aus der kleinen Wagnerstadt.
P.S. Falls Sie irgendwelche Fragen zum Thema Thomas Mann-Richard Wagner haben, schreiben Sie mir bitte gern, ich versuche alles zu beantworten, was noch „im Raum“ stehen blieb. Danke!